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Jurybericht Design-Jury 2017 

Jonas Voegeli, Jirí Chmelik
Jonas Voegeli, Präsident ­Design-Jury
Jirí Chmelik,
Co-Präsident Design-Jury

Im Medium Geschäftsbericht widerspiegeln sich die kommuni­kativen Phänomene der Zeit. Vor einigen Jahren führte die Jury die separate Bewertung von Print- und Online-Berichten ein. Schien es sich in einer ersten Phase noch um eine Entscheidung für einen Kanal zu handeln «Printen sie noch?», zeigen sich heute die präzisierten Qualitäten der beiden ergänzenden Medien.

Papier: Repräsentanz und Arbeitsmittel

Die neuen Medien und ihre Verbreitung beeinflussen die Wahr­nehmung von bedrucktem Papier. Die Drucksache wird seltener, bedeutungsvoller, persönlicher. In der Unternehmenskommunika­tion wird das Druck-Artefakt zum Teil einer zwischenmenschlichen Geste. Ein Geschenk. Die Geschäftsberichtserstattung eignet sich als Anlass für die Produktion einer Edition von Druckmitteln, die in ihrer Machart sorgfältig auf Interessensgruppen und Rezeptionsmomente abgestimmt sind.

Die Gesamtausgabe des Geschäftsberichts, als PDF oder gedruckt vorliegend, spielt weiterhin die Rolle eines Arbeitsmittels. Hier wird angestrichen und kommentiert, das Papier bietet sich der Interaktion an. Der Bericht wird zum persönlichen Objekt.

Neue Medien: Datenbank und Showtime

Gute, übersichtliche Navigation ermöglicht das Browsen in angenehm aufbereiteten Inhalten. Der Nutzer bewegt sich hier schnell und suchend. Das Lesen am Screen ist üblich geworden. Die reduzierten Inhalte werden ergänzt durch den PDF-Download in der Datenbank.

Das Medium bietet sich für multimediales Spektakel an. Der ­Bericht wird angereichert durch unterhaltsame, emotionale Showteile. Zahlenfakten werden in interaktiven Tools für das Publikum aufbereitet.

Überzeugend sind Berichterstattungen, deren Konzeption den Medien übergeordnet sind und die den Print- und den Online-Kanal in seiner jeweiligen Stärke nutzen.

Gesamteindruck, die kommunikative Performance über alle Kanäle

Die Design-Jury hat beschlossen, die Bewertungsstruktur anzupassen. Weiterhin werden die Kanäle Print und Online auf ihre spezifischen Qualitäten hin beurteilt. Neu zählt das Kriterium «Gesamteindruck» übergeordnet für beide Kanäle. Die Stichworte für das Bewertungskriterium sind: Medienkonvergenz, Komplementarität, Angemessenheit, Eigenständigkeit und Sorgfalt. Hier wird bewertet, wie das ­Unternehmen seine Geschichte im Zusammenspiel der Kanäle abwickelt und wie das kommunikative Momentum der Jahresberichterstattung genutzt wird.

Das gelungene Resultat des Designprozesses strahlt ambitionierte Energie aus. Kommunikation beschränkt sich hier nicht auf das Vermitteln von Informationen. Vielmehr gleicht eine gute ­Berichterstattung einer Performance mit verflochtenen Handlungssträngen und Spannungsbögen. Verschiedene kommunikative ­Momente bilden ein stimmiges Ganzes, das den Betrachter zu fesseln und zu begeistern vermag. Die Arbeit an Klarheit, Struktur und ­Akzent ist ein Akt der unternehmerischen Selbstreflexion und bietet die für die Unternehmensentwicklung nötige Orientierung.

Plakativ und modular

Wahrnehmung basiert auf dem Sammeln von Eindrücken. Impres­sionen werden gedanklich ergänzt und verdichten sich zur Vorstellung. Eindrücke werden aus Bild, Text, Zahlenwerk und Infografik gewonnen. Der Betrachter ist offen und neugierig und bewegt sich schnell und sprunghaft durch die dargestellten Inhalte. Er ist bereit, sich punktuell einem informativen Gedankengang anzuschliessen, zu lesen. Die vom Betrachter geforderten Ressourcen sind Zeit und Aufmerksamkeit.

Die Darstellung des Inhalts findet in einem für den Betrachter angenehmen Duktus statt. Gefragt ist die plakative Deutlichkeit von Kommunikationsgefässen. Deutlich wird hier nicht nur Inhalt; über die Form wird auch der Anspruch des Absenders deutlich. «Form follows function» wird transparent und damit zum offenen Spiel zwischen Sender und Empfänger. Der Betrachter wird unterstützt in seiner Wahl von Informationstiefe und Zeitintensität.

Die Kommunikationsgefässe funktionieren modular und lassen sich in Kanälen in verschiedenartiger Kombination wiedergeben.

Die Geschäftsberichtserstattung des Unternehmens HIAG bewegt sich auf faszinierende Art und Weise in diesem Feld und gewinnt damit das Design-Rating.

Erlebnis und Emotionalität

In der Unternehmenskommunikation ist ein Trend hin zu editorialen Formaten zu beobachten. Das Interview zum Beispiel ist ein seit Jahren beliebtes Format in der Geschäftsberichterstattung. Editoriales Design verlangt nach einem breiten gestalterischen Instrumen­tarium, das den Lesefluss zum abwechslungsreichen genussvollen Erlebnis macht.

Emotion wird in der Kommunikation nicht direkt ausgelöst. Die emotionale Reaktion wird vom Betrachter selbst erzeugt. Emotionen werden geweckt. Emotion erhöht die Aufmerksamkeit, ­bedeutet Zuwendung. Der Betrachter ist bereit zu verweilen, sich von Spannung und Begeisterung anstecken zu lassen. Dieser Moment der Kommunikation ist nachhaltig, der Betrachter hat sich beeindrucken lassen.

Einen beeindruckenden Start legt die Zur Rose Group hin und platziert ihren ersten Geschäftsbericht als börsenkotiertes ­Unternehmen auf dem 2. Rang (je Kategorien «Design Print» und «Design Online»).

Leserführung und Diversität

Der Betrachter will angeleitet sein. Eine Berichterstattung soll sich selbst erschliessen. Navigation und Orientierung vermitteln Sicherheit. Die Führung durch den Inhalt geht aber weiter in die Inhaltspräsentation. Mit typografischen Mitteln lässt sich eine kommentierende Ebene in die Berichterstattung einbauen. Wie von einer Off-Stimme eines Dokumentarfilms wird der Leser durch die Lektüre begleitet.

In der Diversität grafischen Ausdrucks liegen die Möglichkeiten zur Ausgestaltung von Inhaltstypen. Hier lässt sich das Design-Credo in Umkehrung bringen: «Function follows form». Inhalt nach seinen formalen Qualitäten untersucht. Welche Formen von Inhalt lassen sich in welcher Funktion darstellen? Wie entsteht eine sinnvolle Diversität von Ausdruck? Wie lässt sich Authentizität einfangen?

Die Geschäftsberichterstattung von Implenia spielt seit Jahren die ganze Orgel und platziert sich im Design-Rating auf dem 3. Rang.

Prädikat «Design Excellence» und erfolgreiche Neuzugänger

Die Design-Jury würdigt die 30 Erstplatzierten mit dem Prädikat «Design ­Excellence». Wer es von 234 Geschäftsberichten in der konsolidierten Wertung «Design Print/Online» unter die besten 30 geschafft hat, verfügt über überzeugende Lösungen.

Unter den erfolgreichen Neuzugängern ist neben der Zur Rose Group der Bericht des Unternehmens vat mit einer ­vordersten ­Platzierung zu nennen (Kategorie «Design Print»: Rang 8; Kategorie «Design Online»: Rang 11).

Für die Jury,
Jirí Chmelik
Co-Präsident Design-Jury