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Jurybericht Design-Jury 2019

Jonas Voegeli
Jonas Voegeli, Präsident ­Design-Jury
Jirí Chmelik
Jirí Chmelik,
Co-Präsident Design-Jury

Ehrenamtlich befassen sich 12 anerkannte Designer während zweier Tage mit einem jährlich wiederkehrenden Ritual der Schweizer Wirtschaft: dem Geschäftsbericht.

Die Geschäftsberichterstattung ist ein von der Börse verordnetes Bilanzierungsspektakel: Nach einem gewaltigen internen Manöver präsentiert das Unternehmen seine alljährlich aktualisierte Standortbestimmung. Die Aufführung manifestiert sich im formalen Ausdruck der Kulturtechniken Mathematik, Sprache – und Design.

Design als Sichtbares und Verborgenes

Design umfasst im Fall des Geschäftsberichts Visuelles in physischer oder digitaler Form: hier die verwendeten Bilder, Zeichen und Schriften, dort die Ausführung in Papier mit seiner Haptik oder die dynamischen Formate des digitalen Kanals. Design ist verantwortlich für die Oberfläche, die sich an die Sinnesorgane richtet: Sicht- und Spürbares bietet sich der dekodierenden menschlichen Wahrnehmung an.

Die Oberfläche ist Ausdruck des unsichtbaren Teils von Design: Design als kreativer Prozess. Hier ist Design inhaltliche Strukturierung, Gliederung, Ausprägung und Charakterisierung. Das abstrakte Phänomen «Unternehmen» erhält einen von Grund auf kreierten wahrnehmbaren Körper.

Die Kreation besteht aus einem Gebilde von formalen kulturellen Konventionen wie dem Brief des Verwaltungsratspräsidenten, dem Gruppenbild der Konzernleitung oder der Kennzahlentabelle. Die konventionellen Gefässe sowie deren Nutzung und Interpretation bieten dem Unternehmen Spielraum für individuellen Ausdruck und Profilierung.

Design als Vermittler

Gutes Design entsteht in radikaler Verbindung von Inhalt und Form, innerer Struktur und äusserer Oberfläche. Eine Begegnung auf Augenhöhe: Es gilt «Form follows function», aber auch «Function follows form». Das «Was» des Inhalts wird vom Designer in seiner Beschaffenheit analysiert. Das Ergebnis fliesst ein in das «Wie», die Wahl der gestalterischen Mittel. Ziel ist es, dem Inhalt eine Form zu verleihen, die zwischen Sender und Empfänger vermittelt. Die Form nimmt Rücksicht auf die Ressourcen des Senders und bereitet Inhalt für den Empfänger deutbar auf. Die Qualität seiner Deutbarkeit bezeichnet die Fähigkeit eines Inhalts, klar und verständlich zu sein. Deutbarkeit bezeichnet für den Betrachter weiter, die Funktion des Inhalts im grösseren Zusammenhang der kommunikativen Performance wahrzunehmen. Vergleicht man den kommunikativen Auftritt mit der Aufführung eines Theaterstücks vor Publikum, so werden Inhaltsteile zu Darstellern, die in der Dramaturgie der Performance eine Rolle spielen.

Die kommunikative Performance der Geschäftsberichterstattung ist jedoch kein freies Theater. Der Auftritt findet vor einem involvierten Publikum statt. Das Unternehmen spiegelt sich selbst im Auftritt gegenüber dem Inneren, den Mitarbeitenden als Stakeholdern, und gegenüber den Mitbeteiligten, den Shareholdern. Aber auch das Publikum bleibt nicht einfach ruhig auf seinen Sitzen. Stakeholder, Presse, Analysten und Öffentlichkeit interagieren mit der vom Unternehmen gebotenen Darstellung. Meinung und Sinn, Common Sense, bilden sich im gesellschaftlichen Zusammenspiel.

Design als Zeremonienmeister

Die Beteiligten im Ritual der Geschäftsberichterstattung sind die Verfasser, die Rezipienten – und die Designer. Die Form ist ein unumgänglicher Bestandteil des Auftritts. Auch eine neutrale Gestaltung ist eine Setzung und bezieht Position. Die Disziplin Design beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Nutzung von Form. Visuelle Gestaltung hat die Kraft, Menschen zu mobilisieren, sie anzuleiten, sie zu begleiten und eintauchen zu lassen. Das Design ist für die Ausgestaltung des kommunikativen Moments verantwortlich. Das Ritual der Kommunikation vollzieht sich für den Betrachter in der Zeit: Er wird begrüsst, ihm wird über das Unternehmen berichtet, und er erhält Zugang zur unternehmerischen Rechnungslegung. Die Entscheidung über die Dauer der Performance – Stunden oder Sekunden – liegt beim Betrachter, der mit dem kommunikativen Gegenstand interagiert. Hier vermögen raffinierte Designlösungen die Verweildauer und die Stimmung des Betrachters zu beeinflussen. Dem Design fällt im Ritual der Kommunikation die Aufgabe der Zeremonienführung zu.

Die Design-Jury zeichnet Projekte aus, denen es gelingt, die kreative Kraft der Disziplin Design zu nutzen.

Gewinner

Gewinner der Design-Wertung
1. Rang: Zur Rose
2. Rang: HIAG
3. Rang: Clariant

Kategorie Print
1. Rang: Zur Rose
2. Rang: Banque Pictet & Cie
3. Rang: Clariant

Kategorie Online
1. Rang: Zur Rose
2. Rang: HIAG
3. Rang: Clariant

Aufsteiger
1. Rang: Novartis > Rangverbesserung 68 Plätze
2. Rang: Dufry > Rangverbesserung 62 Plätze
3. Rang: Liebherr > Rangverbesserung 61 Plätze