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Value Reporting
Prof. Dr. Alexander F. Wagner, Dr. Sascha Behnk und Leandro Künzli, Institut für Banking und Finance

Prof. Dr. Alexander F. Wagner
Prof. Dr. Alexander F. Wagner
Dr. Sascha Behnk
Dr. Sascha Behnk
Roman Schneider
Leandro Künzli

Das Value Reporting ist ein zentrales Element wirksamer Investor Relations. Dabei geht es um weit mehr als eine freiwillige, über die Richtlinien der Börsenaufsicht und weitere Rechnungs­legungs­standards hinausgehende Offenlegung. Vielmehr ermöglicht das Value Reporting, Investoren zusätzliche, für ihre Entscheidungsfindung relevante Informationen zur Verfügung zu stellen. Die wertorientierte Berichterstattung soll eine Abschätzung der vergangenen und der zukünftigen Wertentwicklung ermöglichen und Ursache-Wirkung-Zusammenhänge zwischen Management­entscheidungen und Wertschöpfung im Unternehmen aufzeigen.

Dabei bringt Value Reporting sowohl Nutzen als auch Kosten für ein Unternehmen mit sich: Es kann Informations­asymmetrien zwischen Investoren und Unternehmen abbauen, was die Glaubwürdigkeit des Managements erhöht und eine günstigere Kapitalmarkt­finanzierung erlaubt. Andererseits kann umfangreiches Value Reporting aufwendig und in manchen Wettbewerbs­situationen auch weniger förderlich sein. Deswegen ist es wichtig, dass das Management diesem Thema genügend Aufmerksamkeit schenkt und situationsabhängig eine passende Balance anstrebt.

Im Rahmen des Value-Reporting-Ratings wird primär die Sicht von Investoren eingenommen, welche sich mit vertretbarem Zeitaufwand ein Bild über das Unternehmen machen möchten, das für eine potenzielle Investition in Betracht kommt. Im Bewertungsprozess wird jedoch auch berücksichtigt, dass sich das Value Reporting an eine Vielzahl von Adressaten richtet, die weit über den Kreis der Investoren hinaus reicht. Relevante Informationen sollten schliesslich auch für interessierte Kunden, Zulieferer, Rating-Agenturen, Kreditgeber, Anlageberater, die Wirtschaftspresse sowie die allgemeine Öffentlichkeit zielgruppengerecht kommuniziert werden.

Neben klassischen Aspekten des Value Reporting, wie der Kommunikation nicht-finanzieller Wertgrössen oder wertorientierter Managementvergütung, rücken die Themen Nachhaltigkeit und unternehmerische Gesellschaftsverantwortung («Corporate Social Responsibility», CSR) immer weiter in den Mittelpunkt. Schliesslich hat CSR eine hohe Bedeutung für eine Vielzahl an Interessengruppen der Unternehmen. Eine wachsende akademische Literatur weist zudem die Wertrelevanz von CSR nach. In der Berichterstattung ist eine Erweiterung der Perspektive um den globalen Fussabdruck eines Unternehmens auch aus Sicht des Value Reportings zielführend.

Der Geschäftsbericht hat nicht zuletzt auch unternehmensintern eine hohe Bedeutung. So können die Zusammenstellung und Aufbereitung der relevanten Informationen zu einer Schärfung der eigenen Ausrichtung und zu einer verbesserten internen Kommunikation beitragen. Die im Geschäftsbericht vermittelte Aufstellung des Unternehmens und seiner Werttreiber bietet in diesem Sinne auch für die eigenen Mitarbeiter – insbesondere für Neuzugänge – eine nachhaltige Orientierung.

Bewertungsmethodik des Value-Reporting-Rating

Das Value-Reporting-Rating 2019 wurde durch ein Team unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Wagner, Dr. Sascha Behnk und Leandro Künzli am Institut für Banking und Finance (IBF) der Universität Zürich durchgeführt. 31 qualifizierte und engagierte Studierende der Wirtschaftswissenschaften haben sowohl die Geschäftsberichte (Value Reporting im Geschäftsbericht) als auch die Firmenwebsites (Value Reporting im Internet) nach betriebswirtschaftlichen Kriterien im Sinne des Value Reporting bewertet.1

In der Analyse des Value Reportings im Geschäftsbericht spielen u. a. folgende Kriterien eine wichtige Rolle: substanzielle Hintergrund­informationen zum Unternehmen wie Erläuterungen zur Strategie, zu Produkten und Märkten sowie weitere, teils nicht-finanzielle Informationen, welche etwa Angaben zu zukunftsorientierten Investitionen, Kunden- und Mitarbeiter­zufriedenheit, Innovationen oder Markenführung beinhalten. Hinzu kommen Erläuterungen von Trends, wesentlichen Veränderungen und Zielsetzungen im Unternehmen sowie zu dessen Risikomanagement. Dabei greift die Value Reporting Jury die moderate, jedoch stetige Weiterentwicklung in der Reportingpraxis auf und legt die Messlatte in den verschiedenen Kriterienbereichen sukzessive höher.

Eine wichtige Frage ist dabei, welche Unternehmens­publikationen, die den eigentlichen Geschäftsbericht ergänzen oder darüber hinausgehen, von der Value Reporting Jury in ihrer Bewertung berücksichtigt werden. Auch hier wird den Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit Rechnung getragen. So stellen zunehmend viele Unternehmen zusätzlich zum gedruckten Geschäftsbericht weitere jährliche Berichte separat auf ihrer Website zur Verfügung, versenden diese aber bisweilen nicht mit dem Geschäftsbericht selbst. Dies ist insbesondere beim Thema Nachhaltigkeit der Fall. Aus diesem Grund werden Nachhaltigkeitsberichte proaktiv von der Jury in die Bewertung eingebunden, sofern ihre letzte Auflage zum Zeitpunkt des Ratings nicht mehr als drei Jahre alt ist. Weitere Zusatzpublikationen oder auf der Unternehmenswebsite verfügbare Informationen werden dann in das Rating einbezogen, sofern im eigentlichen Geschäftsbericht darauf verwiesen wird – zum Beispiel bei Nennung des entsprechenden Berichts bzw. Angabe der Internetadresse – oder sofern diese Berichte auf der Unternehmenswebsite in unmittelbarer Nähe zum Geschäftsbericht aufgeführt werden.

Beobachten lässt sich in diesem Zusammenhang, dass immer mehr Unternehmen auch die klassischen Bereiche des Geschäftsberichts in mehreren Einzelpublikationen veröffentlichen, meist getrennt nach rein quantitativen und eher qualitativen Angaben. Während dieses Vorgehen auf den ersten Blick eine zielgruppenorientiertere Bündelung der Informationen ermöglichen mag, kann es gleichzeitig den Gesamtüberblick und damit die Auffindbarkeit möglicherweise relevanter Informationen für die verschiedenen Interessenten erschweren. Selbst für Finanzanalysten und «Zahlenmenschen» ist der qualitative, nicht-finanzielle Kontext zunehmend von Bedeutung. Zudem sei angemerkt, dass Informationen sehr oft über den gesamten Geschäftsbericht verteilt präsentiert werden, was es Investoren erschwert, ein klares Bild des Unternehmens zu erhalten, ohne die oft mehrere hundert Seiten langen Berichte nach den entsprechend relevanten Informationen zu durchsuchen.

Einige Unternehmen verzichten zudem gänzlich auf den gedruckten Geschäftsbericht. Aus diesem Grund berücksichtigt die Value Reporting Jury seit dem Geschäftsberichtjahr 2014 auch die nur im Internet verfügbaren Berichte, welche meist als PDF oder in einigen wenigen Fällen primär als rein interaktive Website angeboten werden.

In der Analyse des Value Reportings im Internet werden die Websites der Unternehmen aus der Perspektive eines Investors bewertet, welcher möglichst zeitnah zu den relevanten Informationen gelangen möchte. Folgende Bewertungskriterien werden dabei berücksichtigt: Allgemeine Infos zum Unternehmen, Struktur und Funktionalität, Firmenkalender und Events, Pressemitteilungen und Ad-hoc-Publizität (sofern kotiert), Reports & Financials, Analystendokumentation, Aktionärsinformation, Corporate Governance und Corporate Social Responsibility, Investor Relations Archiv, Informationsservice und Social Media (Investor Relations 2.0) sowie die allgemeine Benutzerfreundlichkeit («Usability»).

Um dem Wandel von Anspruchsgruppen und Technologie Rechnung zu tragen, wurden die Unterkriterien des Value Reportings im Internet im Vergleich zu den vergangenen Jahren angepasst. Im Rahmen dieser Überarbeitung wurden neun bisherige Unterkriterien aus der Bewertung entfernt. Beispiele dafür sind die Verwendung veralteter Dateiformate oder die Verfügbarkeit von rss-Feeds, welche zunehmend durch neuere Kommunikationskanäle ersetzt werden. Auf der anderen Seite wurden zwei neue Unterkriterien eingeführt. Diese überprüfen sowohl die Kontaktmöglichkeit für Investoren über moderne Kommunikationskanäle wie Chats und Internettelefonie als auch die Barrierefreiheit durch integrierte Vorlesefunktionen.2

Da im diesjährigen Geschäftsberichte-Rating insgesamt also deutlich weniger Kriterien für das Value Reporting im Internet angewendet wurden, ist die in diesem Bereich maximal erzielbare Gesamtpunktzahl niedriger. Entsprechende Ergebnisse aus dem Vorjahr lassen sich also nur teilweise mit dem diesjährigen Abschneiden eines Unternehmens vergleichen. Insgesamt sollen diese Veränderungen den steigenden Anspruch an die Berichterstattung der Unternehmen im Internet widerspiegeln.

Beim Value Reporting im Internet sind einige wenige Unterkriterien spezifisch auf kotierte Unternehmen zugeschnitten. Da grundsätzlich nur kotierte Firmen die entsprechenden Anforderungen erfüllen können, werden diese Fragestellungen bei anderen Unternehmen in der Bewertung übersprungen und bei der Ermittlung der Endnoten nicht berücksichtigt. Eine ähnliche Regelung betraf bis 2018 auch Kriterien zum Value Reporting des Geschäftsberichts. Im diesjährigen Rating wurden jedoch für den Geschäftsbericht alle Kriterienpunkte auch für nicht-kotierte Unternehmen zugelassen. Dies betrifft im Wesentlichen Kriterien zur Ausschüttung der Unternehmen. Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass auch nicht-kotierte Unternehmen in der Praxis Ausschüttungen vornehmen, zum Beispiel an Fremdkapitalgeber oder, wie im Fall von Kantonalbanken, an Kanton und Gemeinden.

Bei der Bewertung der Geschäftsberichte wird jedes Kriterium mit Noten zwischen 1 (schlechteste Ausprägung) und 6 (beste Ausprägung) bewertet. Bei der Untersuchung des Value Reportings im Internet wird primär der Erfüllungsgrad (vorhanden/nicht vorhanden) der einzelnen Kriterien gemessen, wobei einige wenige Unterkriterien in Dreierschritten (0, 1 oder 2) bewertet werden. In beiden Kategorien (Geschäftsbericht und Internet) werden die Noten zu den Einzelkriterien gewichtet und jeweils eine Gesamtnote als Durchschnitt errechnet. Abschliessend fliesst die Gesamtnote des Geschäftsberichts zu 80% und die Gesamtnote des Internetauftritts zu 20% in das finale Value-Reporting-Rating ein.

Der vollständige Kriterienkatalog des Value Reportings (Print und Online) mit Berechnungsbeispielen und weiteren Regelungen zur Bewertung der Geschäftsberichte sowie weitere Auswertungen können auf der Website des IBF (http://www.bf.uzh.ch/value-reporting) eingesehen werden. Zusätzlich finden sich dort auch Beiträge, die im Rahmen des Forschungsprojekts «Value Reporting» am IBF entstanden sind.3

Resultate des Value-Reporting-Rating 2019

Der Sieger des Value-Reporting-Ratings 2019 heisst Clariant. Das Unternehmen hatte bereits im Vorjahr den Spitzenplatz im Value Reporting eingenommen und konnte im aktuellen Jahr den Informationsgehalt in verschiedenen Einzelkriterien noch weiter erhöhen. Dies zeigt sich unter anderem in den Bereichen Diskussion wichtiger Märkte und Marktanteile, Kundenzufriedenheit sowie Nachhaltigkeit. Insgesamt überzeugte Clariant mit einer über alle Bewertungskriterien ausgeprägten Qualität in der wertorientierten Berichterstattung – sowohl in der gedruckten Variante des Geschäftsberichts als auch im Webauftritt des Unternehmens.

Die Value-Reporting-Jury wählte damit erneut einen integrierten Geschäftsbericht zum Jahresbesten. Dabei hat die grundsätzliche Herangehensweise der integrierten Berichterstattung deutliche Schnittmengen mit dem Value Reporting. Im Sinne einer zwar nicht immer ganz einfach lesbaren, aber doch insgesamt ganzheitlichen Betrachtung werden die verschiedenen Werttreiber im Unternehmen vorgestellt, betriebsinterne Zusammenhänge in der Wertschöpfung aufgezeigt und dabei alle relevanten Interessengruppen des Unternehmens berücksichtigt .4 Clariant hatte bereits 2017 den ersten integrierten Geschäftsbericht nach Vorgaben des International Integrated Reporting Councils (IIRC) veröffentlicht.

Clariant erreichte besonders hohe Punktzahlen in den Bereichen Allgemeiner Eindruck, Hintergrundinformationen, Zieldaten und Glaubwürdigkeit sowie Nachhaltigkeit. Das Unternehmen überzeugte zudem erneut auch online und nahm in der Kategorie «Value Reporting im Internet» den dritten Platz ein.

Auf Platz zwei in der Value-Reporting-Gesamtwertung liegt LafargeHolcim, welche im vergangenen Jahr Platz drei erzielte. Auf Platz drei folgt Swisscom, welche im Vorjahr auf Platz zwei lag. Trotz hoher Bewertungen reichte es für die nächstplatzierten Unternehmen Geberit, ubs, Straumann, Credit Suisse, Roche, Liechtensteinische Landesbank und VP Bank Vaduz nicht für die Top 3 im Value Reporting.

Die Top 20: Rangliste Value Reporting 2019

Die nachfolgende Übersicht zeigt die Rangierung der 20 Unternehmen, die im Value-Reporting-Rating 2019 am besten bewertet wurden.

Rangfolge Gesamtwertung   

Value Reporting im   
Geschäftsbericht   

Value Reporting im
Internet

1. Clariant

1

3

2. LafargeHolcim

2

4

3. Swisscom

3

1

4. Geberit

4

21

5. UBS

8

2

6. Straumann

5

37

7. Credit Suisse

6

16

8. Roche

9

8

9. Liechtensteinische Landesbank

7

18

10. VP Bank

19

6

11. Sulzer

15

11

12. Zurich Insurance Group

14

17

13. OC Oerlikon

16

13

14. SGS

12

26

15. Givaudan

17

19

16. Nestlé

21

20

17. St. Galler Kantonalbank

22

23

18. Die Post

13

49

19. Swiss Re

32

5

20. SIKA I

24

33

Value Reporting im Geschäftsbericht

In Bezug auf die gedruckten Geschäftsberichte zeigt die inhaltliche Analyse, dass 83 von 238 Unternehmen (34.9%) beim Rating als genügend – sprich mit einer Gesamtnote von mindestens 4 – eingestuft wurden. Dieser Anteil liegt damit nach einem deutlichen Anstieg zwischen den Jahren 2015 und 2017 und einem Rückgang im letzten Jahr (35.2%) auf Niveau des Vorjahres, ist aber immer noch höher als vor drei Jahren (2016: 32.0%). Im Vergleich dazu wurden 2003 gerade die drei besten Berichte als genügend empfunden. Dies zeigt, dass der Trend langfristig weiterhin als verhalten positiv bezeichnet werden kann. Dennoch schaffte es auch dieses Jahr erneut deutlich weniger als die Hälfte aller bewerteten Berichte zu einer genügenden Note. Dies ist nach wie vor ein klares Zeichen dafür, dass bei vielen Unternehmen im Geschäftsbericht ungenutztes Potenzial in der wertorientierten Berichterstattung besteht.

Unverändert zu den Vorjahren punkteten die Unternehmen besonders stark im Kriterium Allgemeiner Eindruck, in dem die Struktur, Auffindbarkeit und Übersicht, aber auch die sprachliche und grafische Darstellung im Geschäftsbericht bewertet wurden. 87.4% aller Unternehmen erhielten hier eine genügende Note, wie der nachfolgenden Tabelle entnommen werden kann. Zudem wurde die Qualität der Hintergrundinformationen bei 79.0% der Unternehmen mit einer mindestens genügenden Note bewertet – insbesondere in der Diskussion wichtiger Produkte des Unternehmens und im Bereich Organisation der Corporate Governance. Zudem erhielten 58.8% der bewerteten Unternehmen bei den Risikoinformationen eine genügende Note, wobei vor allem die Darstellung der Anwendung des Risikomanagements als gut empfunden wurde.

Kriterienblöcke
Value Reporting

Durch-
schnitt   
in %

Standard-
abweichung   
in %

Prozentsatz der
Unternehmen
mit genügender
Note (mindestens 4)

1. Allgemeiner Eindruck

4.70

0.84

87.39

2. Hintergrundinformationen   

4.40

0.72

78.99

3. Wichtige Non-Financials

2.99

0.92

17.23

4. Trendanalyse

3.26

0.89

26.47

5. Risikoinformationen

3.95

1.27

58.82

6. Wertorientierte Vergütungspolitik    

3.68

1.11

43.28

7. Management-Diskussion   

3.64

0.88

44.54

8. Zieldaten und Glaubwürdigkeit

2.91

1.24

27.31

9. Nachhaltigkeit (Sustainability)

3.17

1.67

39.50

Gesamt (ohne Internet)

3.61

0.78

34.87

10. Value Reporting im Internet   

3.46

0.61

17.65

Gesamt (mit Internet)

3.58

0.72

31.51

Die Value Reporting Jury stellte in diesem Jahr erneut fest, dass sich die Mehrzahl der Geschäftsberichte im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert hat. Entsprechend variieren die Durchschnittsnoten in diesem Zeitraum auch nur bei wenigen Einzelkriterien deutlich. Vergleichsweise schlechter bewertet wurden die Geschäftsberichte im Durchschnitt vor allem in den Bereichen Allgemeiner Eindruck, Trendanalyse und Nachhaltigkeit (Sustainability). Eine Erhöhung der durchschnittlichen Bewertung lässt sich hingegen nur in moderater Form und lediglich im Bereich wertorientierte Vergütungspolitik ausmachen.

Die im Vergleich zum Vorjahr in den meisten Unterkriterien leicht negativere Bewertung der Geschäftsberichte geht vor allem auf entsprechend gestiegene Erwartungen der Value-Reporting-Jury in verschiedenen Aspekten zurück. Diese resultiert zum einen aus dem Aufgreifen von erhöhten Anforderungen der Investoren und anderer Interessengruppen, wie zum Beispiel im Fall der Wichtigen Non-Financials und der Nachhaltigkeit. Zum anderen basieren die gestiegenen Erwartungen aber auch darauf, dass einige Unternehmen durch beispielhafte Aufbereitung relevanter Informationen in bestimmten Kriterien die «Best Practice»-Messlatte stetig höher legen.

So hat das Gros der Geschäftsberichte trotz der positiven Langfristentwicklung nach wie vor im Bereich der Wichtigen Non-Financials erhebliches Verbesserungspotenzial. Investoren suchen oftmals vergeblich nach ausführlichen Informationen zu Investitionen in die Mitarbeiter des Unternehmens, zur Markenpflege sowie zur Kunden- oder Mitarbeiterzufriedenheit, inklusive einer Untermauerung durch Umfrageergebnisse und konkrete Massnahmen. Im Bereich der Trendanalyse gibt es insbesondere bei der Darstellung des Investitionstrends über mehrere Jahre Nachholbedarf. Kritisiert wird zum Kriterium Trendanalyse allgemein, dass die Entwicklung zum Teil lediglich im Vorjahresvergleich aufgezeigt wird. Andere Geschäftsberichte stellen die langfristigen Entwicklungen zwar dar, bieten jedoch keine ausführliche Kommentierung dieser Trends – ein wesentlicher Aspekt aus Sicht des Value Reportings. Zudem ist es nach wie vor für Investoren nur selten möglich, im Bereich Zieldaten und Glaubwürdigkeit konkrete Quantifizierungen und Kommentierungen zu gesetzten Rentabilitätszielen zu finden. Dies erschwert Investoren die Einschätzung, ob es sich langfristig lohnt, in ein Unternehmen zu investieren.

Auch die unternehmerische Nachhaltigkeit wird im Schnitt immer noch ungenügend dargestellt. So rutschte der Anteil der Unternehmen mit einer mindestens genügenden Note im Vergleich zum Vorjahr unter die 40-Prozent-Marke. In diesem Kriterium gibt es im aktuellen Jahr zudem erneut die grösste Diskrepanz zwischen Unternehmen (Standardabweichung: 1.67 Notenpunkte), welche vor allem daraus resultiert, dass einige Unternehmen kein Sustainability Reporting vornehmen, während ihre Konkurrenten zum Teil umfangreiche Berichte zu diesem Thema veröffentlichen. Auch bei vielen der Unternehmen, die bereits eine entsprechende Berichterstattung anfertigen, fehlen bisweilen quantitative Aussagen zur Umweltbelastung oder Sozialpolitik. Anstelle allgemeiner Texte mit vielen Platzhaltern sind hier im Sinne des Value Reporting vor allem Beschreibungen konkreter Projekte und Entwicklungen gefragt, die mit Zahlen und Beispielen hinterlegt werden. Positiv zu beurteilen ist in diesem Zusammenhang, dass sich Unternehmen in ihrer Berichterstattung zur Nachhaltigkeit vermehrt auch an internationalen Standards orientieren, wie zum Beispiel den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI).

Auf dem Gebiet der wertorientierten Vergütungspolitik fehlt in vielen Fällen weiterhin eine Darlegung der im Berichtsjahr erreichten Ziele und der daraus abgeleiteten, variablen Vergütungsbestandteile in der Beschreibung des Vergütungssystems. Während immer mehr Unternehmen zumindest eine Zielerreichung auf aggregiertem Niveau veröffentlichen, werden in vielen Geschäftsberichten nach wie vor keine Angaben zu diesem Aspekt gemacht. So ist es für den Leser häufig schwierig, aus dem Geschäftsbericht einen klaren Eindruck vom Zusammenhang zwischen gezahlter Vergütung und erzielter Leistung der Geschäftsleitung (Pay-for-Performance) zu erhalten.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Darstellung von «Ursache-Wirkung-Zusammenhängen» trotz eines minimalen Zuwachses im aktuellen Jahr bei den meisten Unternehmen erst in den Kinderschuhen steckt. Um sich als Investor ein integratives Bild über das Unternehmen verschaffen und Entscheidungen des Managements besser nachvollziehen zu können, wäre eine deutlichere Darstellung der kausalen Zusammenhänge in den wesentlichen Bereichen des Value Reporting in der Zukunft wünschenswert.

Value Reporting im Internet

Neben dem eigentlichen Geschäftsbericht wurde auch die Online-Berichterstattung der Unternehmen von der Value-Reporting-Jury bewertet. Durch die Streichung von neun bislang bestehenden und die Aufnahme von zwei neuen Unterkriterien sind die im Durchschnitt erreichten Prozentsätze im Jahr 2019 nur eingeschränkt mit denjenigen aus dem Vorjahr vergleichbar .5 In den nicht von den Änderungen betroffenen Unterkriterien zeigte sich inhaltlich erneut relativ wenig Bewegung im Vergleich zum Vorjahr. Die Gesamtbewertung der Internetauftritte ist aus Investorenperspektive marginal gesunken. Dies hat unter anderem den Grund, dass von der Value Reporting Jury auch im Onlinebereich aufgrund der sich stetig weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten in Verbindung mit gestiegenen Informationsansprüchen von Investoren im aktuellen Jahr höhere Massstäbe gesetzt wurden. Trotzdem sieht man nach wie vor in einigen Kriterienpunkten, dass die Digitalisierung und damit auch eine Verlagerung von Informationen zur wertorientierten Berichterstattung in den Webauftritt der Unternehmen weiter voranschreiten. Zudem sind einige Unternehmen in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, ihre Geschäftsberichte in den Internetauftritt zu integrieren. Sie haben dabei die Chance genutzt, diese wesentlich interaktiver zu gestalten.

In Bezug auf die durchschnittlich vergebenen Noten schnitten die Unternehmen besonders gut in den Bereichen Allgemeine Struktur und Funktionalität, Allgemeine Infos – Unternehmensübersicht, sowie Pressemitteilungen und Ad-hoc Publizität ab. Das Value Reporting im Internet bedarf vor allem in den Kategorien Firmenkalender und Events, Analystendokumentation sowie Investor-Relations Archiv weiterer Verbesserungen. Zudem zeigt sich erneut in der Nutzung von Social Media zur Kommunikation mit Investoren ein hohes Ausbaupotenzial. Bemerkenswert ist dabei, dass selbst viele der Unternehmen, die in Bezug auf den gedruckten Geschäftsbericht sehr gut abschnitten, z. T. noch deutlich unausgeschöpftes Potenzial im Online-Value Reporting aufwiesen.

Viele Unternehmen verfügen zudem immer noch über einen verhältnismässig einfachen Webauftritt, der Investoren nur wenig zusätzlichen Informationsgehalt bietet. Dies steht im Widerspruch zu dem Trend, dass Investoren vermehrt auf dieses Medium zur Informationsgewinnung zurückgreifen. Zudem ist die Online-Berichterstattung natürlich ökologischer als das Drucken der Geschäftsberichte.

Folgende Durchschnittsdaten ergeben sich aus dem Value-Reporting-Rating 2019 für den Online-Bereich:

Kriterienblock Value Reporting
im Internet

Durchschnitt   
in %
(2019)

Prozentsatz der
Unternehmen
mit genügender
Note6 (über 4)

0 Allgemeine Infos –
   Unternehmensübersicht

57.25

40.34

1 Allgemeine Struktur und
   Funktionalität

91.96

98.74

2 Firmenkalender und Events

36.97

28.57

3 Pressemitteilungen und
   Ad-hoc-Publizität

56.23

45.38

4 Reports & Financials

47.27

22.69

5 Analystendokumentation

23.65

7.56

6 Aktionärsinformationen,
   Corporate Governance und
   Social Responsibility

49.23

41.18

7 Investor-Relations-Archiv

38.94

16.81

8 Informationsservice und
   Social Media (IR 2.0)

39.92

18.07

9 Usability

48.79

15.97

Gesamt

49.26

17.65

Die Aufsteiger im Bereich Value Reporting

Viele Unternehmen sind spürbar bestrebt, ihre Berichterstattung zu verbessern. In einzelnen Fällen gibt es grössere Veränderungen, da sich Unternehmen entschlossen haben, deutlich mehr Informationen offenzulegen oder anders zu präsentieren. Solch deutliche Verbesserungen sind naturgemäss vorwiegend bei denjenigen Unternehmen möglich, die im Vorjahr noch im Mittelfeld oder im unteren Bereich des Rankings lagen. Hier können – abhängig von den Bewertungen im eigenen Umfeld der Rangliste – zum Teil auch moderate Punkterhöhungen für eine deutliche Verbesserung des Listenplatzes ausreichen.

Aus diesem Grund wurden von der Value Reporting Jury neben den reinen Punktzahlen auch qualitative Aspekte berücksichtigt und Unternehmen als Aufsteiger ausgezeichnet, deren deutliche Rangverbesserungen durch besondere Fortschritte im Geschäftsbericht erzielt wurden.

Im diesjährigen Value Reporting Rating verzeichnete der Dienstleistungs- und Handelskonzern DKSH bei einem Anstieg um 28 Plätze die qualitativ stärkste Verbesserung. Gewürdigt wurde von der Jury dabei vor allem, dass DKSH zum ersten Mal einen Nachhaltigkeitsreport nach GRI-Standard (Global Reporting Initiative) veröffentlicht hat. Dieses Thema erscheint der Jury von besonders grosser Bedeutung. Ausserdem konnten durch diesen zusätzlichen Bericht nicht nur im Bereich Nachhaltigkeit, sondern auch in den Wichtigen Non-Financials, wie Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, deutliche Punktzunahmen verzeichnet werden.

Auf den zweiten Platz der Aufsteiger wählte die Value Reporting Jury die Unternehmensgruppe dormakaba. Die zugrunde liegenden Verbesserungen basieren, neben leichten Punktgewinnen in verschiedenen Bereichen des Geschäftsberichts, vorwiegend auf dem gesteigerten quantitativen Reporting im Corporate-Social-Responsibility-Bereich. Die Jury würdigte den Schritt des Unternehmens, im aktuellen Geschäftsbericht erstmals detailliertere Informationen leichter auffindbar bereitzustellen. Weiter konnte das Unternehmen zudem Punktzuwächse im Bereich Value Reporting im Internet verzeichnen. Insgesamt war durch viele kleine Schritte eine Verbesserung um 52 Ränge möglich.

Schliesslich wurde die Privatbankgruppe EFG von der Value Reporting Jury als drittplatzierte Aufsteigerin ausgewählt. Das Unternehmen verbesserte sich um 45 Plätze. Neben Punktzunahmen in verschiedenen Bereichen war hier vor allem eine erstmalige Ausweisung von konkreten Zieldaten ausschlaggebend. Die klare Stellungnahme und deren Glaubwürdigkeit führten zu einem starken Punktezuwachs im Bereich Zieldaten und Glaubwürdigkeit. Entsprechend dem Zweitplatzierten der Kategorie Aufsteiger im Value Reporting, gelang es auch EFG, ihren Webauftritt für Investoren nutzerorientierter zu gestalten.

Unternehmen

 

DKSH

 

dormakaba

 

EFG

 

 

(1)Mit dem vor fast 20 Jahren initiierten Projekt «Value Reporting» ist das IBF nachhaltig in der Forschung zu diesem Bereich engagiert. Wissenschaftlich wegleitend war dabei Labhart, P. A. (1999): Value Reporting. Informationsbedürfnisse des Kapitalmarktes und Wertsteigerung durch Reporting. Zürich 1999.

(2)Betroffen von den Änderungen sind die folgenden Kriterienbereiche: Allgemeine Infos – Unternehmensübersicht, Reports & Financials, Informationsservice und Social Media (IR 2.0), Usability.

(3)Eugster, F./Wagner, A. (2019): Value reporting and firm performance: Evidence from Switzerland. Erscheint in Journal of International Accounting, Auditing and Taxation. Herunterladbar: ssrn.com/abstract=1879804. Labhart, P./Volkart, R. (2009): Investor Relations als Wertsteigerungsmanagement. In: Kirchhoff, K. R./Piwinger, M. (Hrsg.): Praxishandbuch Investor Relations. Das Standardwerk der Finanzkommunikation. 2. Auflage, München 2009, S. 201–220. Gamper, P. Ch./Volkart, R./Wilde, M. (2006): Value Reporting und aktive Investor Relations – Instrumente der Transparenzsteigerung. In: Der Schweizer Treuhänder, Nr. 9, 2006, S. 642–647.

(4)Eugster/Wagner (2019) stellen die wesentlichen Aspekte von Integrated Reporting und dem hier verwendeten Value Reporting Rating gegenüber. Sie finden grosse Übereinstimmung. Dies überrascht nicht weiter, leitet Integrated Reporting doch wesentliche Inspiration aus dem Value-Reporting-Konzept ab. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Konzept des integrierten Reportings siehe Volkart, R. (2015): Finanzielle Berichterstattung im Wandel: Vom Jahresabschluss zum «Integrated Reporting».
In: Der Schweizer Treuhänder, Nr. 6–7, 2015, S. 460–486.

(5)Betroffen von den Änderungen sind die folgenden Kriterienbereiche: Allgemeine Infos – Unternehmensübersicht, Reports & Financials, Informationsservice und Social Media (IR 2.0), Usability.

(6)Während für den gedruckten Geschäftsbericht Noten von 1 bis 6 vergeben werden, wird die Punktvergabe im Bereich Value Reportings im Internet in Prozentsätzen ausgedrückt. Um diese in das Notensystem von 1 bis 6 zu übersetzen und damit vergleichbar zu machen, werden die Prozentsätze mit 5 multipliziert und anschliessend wird eine Einheit addiert (Prozentsatz*5+1).