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Jurybericht Design-Jury 2020

Jonas Voegeli
Jonas Voegeli, Präsident ­Design-Jury
Jirí Chmelik
Jirí Chmelik,
Co-Präsident Design-Jury

Der Geschäftsbericht als aktives Dokument

Die Geschäftsberichte, die der Jury vorliegen, zeigen eine breite Palette von Ausführungen; sie reichen vom Standard-Word-­Dokument im Laserdruck bis zur aufwendigen Inszenierung von Unternehmensidentität, präsentiert im raffinierten Medienmix.

Es sind konzeptionelle Überlegungen zum Publikum, seiner Interessenstruktur und seinem Rezeptionsverhalten, die den Geschäftsbericht von der vorgeschriebenen inhaltlichen Minimalausführung in Richtung eines kommunikativ aktiven Dokuments treiben. Bedingt durch die Zusammensetzung des Aktionariats, die unternehmerische Situation und das öffentliche Interesse hat jedes Unternehmen dabei eigene Anforderungen an die Form, in der der Geschäftsbericht dem Publikum präsentiert werden soll.

Das Rezeptionsverhalten des Publikums wiederum steht in Zusammenhang mit dem allgemeinen medialen Verhalten der Gesellschaft. So befindet sich der Geschäftsbericht in Bezug auf die Inhaltsaufbereitung und die Wahl der gestalterischen Mittel in einer kontinuierlichen Entwicklung – sowohl im Bereich Typografie und Bild als auch Infografik.

Von der Textwüste zur redaktionellen Struktur

Die typografische Aufbereitung des Inhalts hat sich dem Bedürfnis nach mehr Überblick und klarer Leserführung angepasst. Texte werden durch aussagekräftige Titel, Leads und Zwischentitel strukturiert: Dies ermöglicht dem Leser, die einzelnen Inhalte und die wichtigsten Botschaften schnell zu erfassen, aber auch, sich selektiv in Inhalte zu vertiefen. Editoriale Formate wie Interviews oder Highlights erweitern schliesslich das Spektrum an Textsorten, mit denen unterschiedliche Inhalte in der für sie geeigneten Form dargestellt werden.

Von der allegorischen Illustration zur Reportagefotografie

Vorbei ist es mit Bildstrecken von Bergbesteigungen und anderen unternehmensfremden Allegorien, die eher die Befindlichkeit des Managements ins Szene setzen als einen Einblick in die Tätigkeit des Unternehmens zu gewähren. Der Trend geht in Richtung Reportagefotografie; das Unternehmen wird in seiner Tätigkeit por­trätiert. Die Bilder sind Ausdruck einer Haltung gegenüber der Unternehmenstätigkeit und machen die Faszination an der Materie spürbar.

Von der sprachlichen Beschreibung zur grafisch erlebbaren Form

Unternehmerische Entwicklungen werden in Säulen- und Kreisdiagrammen anschaulich aufbereitet, Unternehmensergebnisse in übersichtlichen Cockpits auf einen Blick zusammengefasst, Piktogramme stützen die schnelle Erfassbarkeit der Inhalte. In den Bereichen Unternehmensstrategie und Nachhaltigkeit werden Konzepte und Zusammenhänge in Infografiken fassbar. Im Spielraum der grafischen Möglichkeiten lassen sich dabei durch Farbwahl und Liniendynamiken emotionale Akzente setzen.

Im Geschäftsbericht manifestiert sich das Phänomen «Unternehmen» – es wird sichtbar, lesbar und erfassbar. Diese Manifes­tation ist Arbeit an der Unternehmenskultur: Ereignisse werden festgehalten, Pläne und Visionen formuliert, Strukturen reflektiert. Dies bietet Orientierung, wird zum Impuls gegen aussen und innen und ist ein Ankerpunkt für Identifikation.

Der Geschäftsbericht im Medienmix

Die Inhaltsteile des Geschäftsberichts werden zunehmend in unterschiedlichen Ausführungen aufbereitet: Neben der herkömmlichen Gesamtausgabe in Print werden ausgewählte Inhalte in Short Reports oder Unternehmensprofile gefasst. Diese Produkte zeichnen sich durch ihre Handlichkeit aus. Die Inhalte des Berichts und die damit verbundene Selbstdefinitionsarbeit können so einem erweiterten Publikum angeboten werden.

Im Online-Kanal finden sich ebenfalls komprimierte Fassungen, die durch downloadbare PDFs ergänzt werden. Einige Unternehmen sind dazu übergegangen, den Geschäftsbericht in seinem Gesamtumfang auf dem Web zu erarbeiten und zu präsentieren. Die PDFs bzw. die Printfassung des Berichts leiten sich hier von der Online-Fassung ab. Die so generierten Dokumente zeigen die Schwierigkeit auf, alle Kanäle optimal zu bespielen – so fällt die Aufteilung des Inhalts auf die Seiten teilweise recht unbefriedigend aus.

Die PDF-Version des Geschäftsberichts ist schon länger von Bedeutung. Ursprünglich zum Downloaden und Ausdrucken gedacht, entwickelt sich das Format zunehmend zu einer eigenen Berichtskategorie. Dabei wird das PDF in seiner Nutzung immer weniger ausgedruckt, sondern direkt am Bildschirm eingesehen – mit entsprechender Auswirkung auf die Gestaltung: Navigationselemente werden prägnanter platziert, um dem Leser das Auf­finden von Inhalten zu erleichtern, der Seitenspiegel wird auf die gebräuchliche einseitige PDF-Ansicht angepasst – und auf die ­Aufteilung von Inhalten auf zusammenhängende Doppelseiten wird verzichtet. Einige Unternehmen haben die PDF-Darstellung auf dem Screen zum prägenden Aspekt in der Gestaltungskon­zeption gemacht und präsentieren ihren Bericht im bildschirmoptimierten Querformat. Die daraus resultierende Printausgabe im A4-Querformat vermag hier wieder nicht zu überzeugen – zu breit dehnt sich der Inhalt aus, der Bericht muss beim Lesen hin- und hergeschoben werden.

Die optimale Ausgabe des Geschäftsberichts auf allen Kanälen bleibt eine Herausforderung. Gute Beispiele dafür finden sich in den vordersten Rängen des Ratings.

Design-Jury von links: Jonas Voegeli, Thomas Wolfram, Michael Kahn, Jan Wächter, Nico Staeger, Mattia Conconi, Simon Fuhrimann, Jürg Trösch, Jirí Chmelik, Simone Züger (nicht auf dem Bild)

Die Gewinner der Design-Jury

Die Jury hat bei der Begutachtung der Geschäftsberichte auch dieses Jahr zahlreiche begeisternde und raffiniert konzipierte ­Exemplare ausgemacht und gratuliert den Unternehmen sowie den beteiligten Designern zu ihrer Leistung. Die Berichte der ­Unternehmen Clariant, Banque Pictet und HIAG führen die Ranglisten in den Unterkategorien Print und Online sowie auch in der Gesamtwertung an.

Gewinner

Gewinner der Design-Wertung (konsolidiert)
1. Rang: Clariant
2. Rang: Banque Pictet
3. Rang: HIAG

Kategorie Print
1. Rang: HIAG
2. Rang: Clariant
3. Rang: Banque Pictet

Kategorie Online
1. Rang: Clariant
2. Rang: Banque Pictet
3. Rang: HIAG

Aufsteiger
1. Rang: Landis + Gyr
2. Rang: Fundamenta Real Estate
3. Rang: Givaudan